5. Etappe: Wanaka bis Queenstown; 80 km

Ich hatte mir einen Tag Ruhepause in Wanaka gegönnt, konnte in der zweiten Nacht vom Campingplatz in ein schönes Hotel ziehen. Tagsüber mietete ich ein Velo und fuhr den
See entlang. Dabei traf ich auf zwei TA-Wanderer (mit etwas Erfahrung erkennt man diese instinktiv) – Molly aus Atlanta und Frederiek aus Holland. Wir trafen uns am Abend wieder zwecks Erfahrungsaustausch. Wenn ich die Stories der anderen höre, muss ich gestehen, dass ich bisher viel Glück hatte. Beispiele: einen Tag nachdem ich der Kuhherde durch die Flüsse gefolgt war, waren Frederiek und andere zwischen anschwellenden Flüssen blockiert und konnten weder weiter noch zurück zur Hütte. Oder Molly hatte Angst vor der Ahuriri Überquerung und wollte die 5 km zur Brücke gehen, versank aber unterwegs Hüfttief im Schlamm und musste umkehren, wo sie dann zum Glück auf Frederiek stiess; zusammen wagten sie die Flussüberquerung. Ich erhielt auch einen Tipp, wo es gutes Kartenmaterial gibt. Wie oft hatte ich mich über die schlechte Qualität der offiziellen Trail Maps geärgert. Bisschen spät zwar, aber zurück im Hotel lade ich die ganze Südinsel 1:50’000 runter. Es sind 3GB; am andern Tag beim Aufstehen werden gerade die letzten Segmente geladen. Ab jetzt macht Wandern doppelt Spass!

9 Jan: Lake Wanaka bis Fern Burn Hut, 11 km.
Die ersten 10 km dem See entlang machte ich Autostop. Den See hatte ich aber schon genug gesehen; vorgestern zu Fuss und gestern mit dem Velo. Ich war daher schon um drei in der Fern Burn Hut. Die nächste Hütte wäre 3-4 Stunden weiter, aber darauf hatte ich keine Lust mehr, vor allem nachdem ich den steilen Aufstieg hinter der Hütte sah. Ich hatte ja genügend Zeit und genug zu Essen und genug zu Lesen dabei. Ausserdem waren hier sympathische Leute, mit denen man sich unterhalten konnte – ein Geschwisterpaar aus Australien und ein junges Pärchen aus México. Spät am Abend kamen noch drei unerfahrene Burschen. Die wussten nicht, dass das Wasser im Bach trinkbar ist (der Tank mit Regenwasser war leer) und dass man in der Hütte einen Schlafsack braucht. So schliefen sie wie Würstchen im Sandwich zwischen zwei Matratzen.

10 Jan: ich lief am Morgen die 6 km / 4 Stunden zur Highland Creek Hut über den 1275m Jack Hall Saddle und blieb am Nachmittag in der Highland Creek Hütte. Gemäss Trail Notes ist der Weg zur nächsten Hütte anspruchsvoll und nur für fitte und erfahrene Wanderer geeignet. Das wollte ich mir für morgen aufsparen. Allerdings staunte ich nicht schlecht, als ein junger Deutscher hier Pause machte, der vom Lake Wanaka kam und und bis zur nächsten Hütte will (also das an einem Tag macht, was ich gemütlich in drei Tagen mache). Weil er morgen in Arrowtown abgeholt wird, ist er in Eile; entsprechend klagte er über Fuss- Knie- und Hüftschmerzen. Später kam dann noch ein 67-jähriger Kiwi (sah zwar eher wie 76 aus), der es aber vorzog, oben auf dem Hügel zu schlafen, damit ihn niemand beim Schnarchen höre….; so hatte ich schon wieder eine Hütte ganz für mich.

11 Jan: Highland Creek Hut bis Roses Hut, 11 km. Für die als sehr anspruchsvoll bezeichnete Strecke werden (je nach Quelle) 5-8 Stunden angegeben. So schlimm war es aber nicht, und nach gut 5 Stunden war ich schon dort und überlegte mir weiter zu gehen. Das würde aber heissen, irgendwo zu campieren – dazu hatte ich keine Lust. Ausserdem hatte ich genug von Sonne und Wind; seit dem Hagelzug am Ahuriri River (4. Jan) scheint die Sonne, aber zumeist ist es ziemlich windig. Meine Lippen sind verbrannt und sehen aus wie die eines Orcs.
Der Entschluss, in der Hütte zu bleiben erwies sich als weise – am Nachmittag fing es an zu stürmen, so dass man meinte, das Dach fliege gleich davon. Am späten Abend fing es an zu Regnen, und in der Nacht goss es wie aus Kübeln. Ich teilte die Hütte mit einem langhaarigen Mathematiklehrer aus Neukaledonien, einer TA northbound Hikerin aus Auckland und einem schweigsamen eBook Reader. Kurz vor dem eindunkeln kam dann noch ein erschöpftes pudelnasses Mädchen. Das kochte dann im Dunkeln und machte Krach während die anderen schon schlafen wollten. Nur der eBook Reader war noch am Lesen.

12 Jan. Roses Hut bis Arrowtown, 24 km. Der nächtliche Regenerguss war vorüber und die Sonne schien schon wieder. Zuerst ging es 550m hoch über einen Berg, dann müsste ich mich entscheiden, weiter über Hügel oder dem Flussbett entlang. Letzteres sei schneller, so entschied ich mich für diese Variante und zog die Plastikschuhe an. Am Ufer ist dichtes Dornengestrüpp (habe oft laut geflucht) daher läuft man besser direkt im Fluss. Ob im Geröll eines mäandernden Flusses zu laufen wirklich schneller ist als oben dem Berghang entlang, wage ich zu bezweifeln. An das kalte Wasser gewöhnt man sich, gemäss Kneipp soll das sogar gesund sein. Ab Macetown, einer verlassenen Goldgräbersiedlung, gab es dann einen 4WD Track, ab da lief es dann besser, obwohl auch dieser alle 100m den Arrow River ‚furtet‘ (to ford – warum gibt es dieses Wort auf deutsch nicht? Plausible Antwort: bei uns gibt es Brücken). Lange Pausen waren nicht möglich, da nach wenigen Minuten die Sandflies meine nackten Waden entdeckten. In Arrowtown dann das übliche Prozedere: schwierige Suche nach einer Unterkunft. Ich hatte die Wahl zwischen einem Luxusappartement ($350) oder dem Campingplatz ($20), und entschied mich für die günstigere Variante. Ich fragte an der Reception nach den Wetterprognosen. Sie schaute mich ganz erstaunt an und meinte, hier regne es eigentlich nie. Erstaunlich, ein regenloser Ort inmitten dieser Regeninsel? So buchte ich gleich zwei Nächte; ich war ja nur eine Tagesetappe von Queenstown entfernt und musste mich entscheiden, was ich nach Queenstown mache. Der TA führt nach Queenstown am anderen Ende des Lake Wakatipu weiter und in Abwesenheit von weiteren Höhepunkten mache ich vielleicht lieber etwas anderes. Nachts regnete es übrigens – am Morgen war der Himmel strahlend blau und tat, als ob da nichts gewesen wäre.

13 Jan: Ruhetag in Arrowtown. Die Reinheit der Luft, das spezielle Lebensgefühl hier, mein ausgebrannter Allgemeinzustand – irgend etwas machte mich ganz dizzy; vor der Apotheke musste ich mich tatsächlich am Pfosten festhalten um nicht umzukippen. In der Apotheke ging ich aber nur wegen meinen verbrannten Lippen. Den Tag verbrachte ich sonst mit Zeitunglesen, Hotel in Queenstown reservieren, Museumsbesuch und Kino (‚La La Land‘; 5 Sterne in der heutigen NZZ), wo ich den allerletzten der 42 Sitze bekam.

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14 Jan: Arrowtown to Queenstown; 28 km. heute kein Autostopp bitte, auch wenn der Weg entlang von Strassen führt! Ich will zu Fuss in Queenstown einmarschieren! Ausserdem will ich die 600 km Grenze knacken. Sollte ich in Queenstown aufhören (obwohl ich noch zwei Wochen Zeit hätte), will ich doch sagen können, ich bin 600km gelaufen.
Der Weg nach Queenstown war weder besonders attraktiv noch anspruchsvoll. Aber mit Podcasts hören und streckenweise Wandern mit einem TA Wanderpärchen (Willy und Cathy aus Wellington) verging die Zeit schnell. Ausserdem, wo es Strassen gibt, gibt es auch ab und zu ein Bier. In Queenstown bleibe ich erst mal zwei Tage, dann sehen wir weiter

 

2 Kommentare zu „5. Etappe: Wanaka bis Queenstown; 80 km

  1. Hallo Martin
    Also wenn Du die 600km geschafft hast, dann kannst Du schon stolz auf Dich sein, es braucht kein Weltrekord sein, es war schon anstrengend genug und Du hast verschiedene Abenteuer erlebt und auch Abendteurer getroffen

    Es scheinen auch ein paar spezielle Typen unterwegs zu sein, welche mehr oder weniger kompatibel zueinander sind.

    Die Landschaft ist sehr schön und ich denke, es wird auf den Fotos manchmal nicht so gerecht, aber die Eindrücke mit dem Wind und den Wolken, den Steigungen und Anhängen, die ewigen Flussüberquerungen und Sandflies haben sicher Spuren hinterlassen, welche nie vergessen werden.

    Natürlich wenn Du eine Wanderkarte auf Deinem Smartphone geladen hast, musstest Du dies natürlich bis zum bitteren Ende wandern. Ich kann mir gut vorstellen, wie Du heute besser informiert und mit Blick auf den Bildschirm durch das Niemandsland wanderst wie wir damals in der Tschechischen Republik 😉

    Geniess doch ein paar Tage Ferien und komm erholt nach Hause

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  2. Hi Martin
    Congratulations, du hast 600km geschafft!!!
    Wie wär’s denn, wenn du die nächste Zeit einfach mal ganz anders gestaltest, so in Richtung Erholung und einfach nur geniessen??? Könnte doch sein, dass das gar nicht so verkehrt wäre, hmmmm???
    Es heisst auch:
    Neuseeland ist ein Paradies für Feinschmecker. Entdecke originelle, frisch und liebevoll zubereitete Speisen und erlesene Weine von Weltklasse.
    Eine etwas andere Entdeckungsreise, aber vielleicht gar nicht so schlecht, um dich wieder ein bisschen „aufzupäppeln“???
    Take care und pass auf dich auf!
    Ganz viele Grüsse aus dem ungemütlich-winterlichen Weil am Rhein
    Inge

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